Hans Wetzel
Der Frauenkopf[1] - Geschichte und Geschichten[2]
„Nun blüht es wieder an allen Ecken und Enden!
Herrlich ist es anzusehen, wenn man am Hange des Frauenkopfgebietes steht
und seinen Blick über den so lieblich im Tale liegenden Weinort Rohracker streifen läßt.
Trunken von der Schönheit dieses Bildes wendet sich das Auge weiter
über das Neckartal bis zu den Bergen der Schwäbischen Alb.
Ganz frei wird einem zu Mute, wenn man von der engen Groß-Stadt heraufsteigt
auf diese Höhen und sich satt sieht
an dem von der Natur so wirklich schön geschaffenen Bilde.“
„Brief aus Rohracker“ in der Hedelfinger Zeitung vom 14. April 1935.
Bebauung und Besiedlung
Im Jahr 1897 verkaufte die Witwe Klein aus Rohracker ein Grundstück auf dem Frauenkopf an den Stuttgarter Bankier Schulz für 60 Pfennige pro qm. Damit beginnt die Geschichte des Landhausgebiets Frauenkopf.. 40 Jahre später, 1937, verleibte sich die Stadt Stuttgart das Gebiet zusammen mit dem Ort Rohracker ein. Wieder rund 10 Jahre später, 1948, wurde der Frauenkopf von Rohracker getrennt und dem Stadtteil Stuttgart-Ost zugeschlagen. Nur die evangelische Kirchengemeinde konnte sich erfolgreich gegen diese unhistorische Maßnahme wehren.
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war der größte Teil des Gebiets noch bewaldet gewesen. Bis 1820 hatte der Wald – es war noch reiner Laubwald, die sogenannte alte Eiche unten am Burghaldenweg ist eines der letzten Überbleibsel – noch als Viehweide gedient. Er reichte herunter bis zu den Baumgärten des Gewanns Rosengarten, das etwa bei den heutigen Grundstücksgrenzen zwischen Frauenkopf- und Rosengartenstraße begann. Ab 1850 ließ die Gemeinde Rohracker, der der Wald gehörte, das Gebiet roden, erst einen größeren westlichen, dann, ab 1905, vollends den kleineren östlichen Teil. Es wurden Obstgärten angelegt, hauptsächlich wurden Kirschbäume gepflanzt, aber auch Birnbäume, von denen einer der letzten bis vor kurzem im Kunkelgarten in der Rosengartenstraße seine kahlen Äste malerisch in den Himmel reckte. Die alten Baumgärten hatten besseren Boden als der frisch gerodete Teil. Um das auszugleichen, zog man die beiden Gebiete teilweise zusammen und teilte sie der Länge nach in viele schmale und lange Grundstücke auf (5 x 200 m). Angeblich haben die Rohrackerer dann die schlechten Frauenkopfgrundstücke mit Vorliebe an ihre ungeratenen Söhne vererbt. Dabei dachte natürlich keiner an die späteren Grundstückspreise.
Besagter Bankier Schulz aber wusste, was er tat. Er kaufte Schlag auf Schlag eine Parzelle nach der anderen, insgesamt 20. Anton Sebesta, böhmischer Goldschmied in Stuttgart, hatte die gleiche Idee: 1903 kaufte er eine Parzelle - genau 5 m breit und 220 m lang - jetzt allerdings schon für eine Mark. Auch er konnte bald die Nachbargrundstücke erwerben. Der Wettlauf hatte begonnen. Als man 1910 die gerade neu gerodeten Grundstücke versteigerte, brachte das schon durchschnittlich 2,60 Mark pro qm.
Bereits 1902 hatte der Augenarzt und Geheime Hofrat Dr. Hans Distler das erste Haus auf dem Frauenkopf gebaut, allerdings nur ein Wochenendhaus, genauer gesagt ein Jagdhaus und zwar ein stattliches. Immerhin konnte da alljährlich ein Ball stattfinden zum Abschluss einer großen Treibjagd, zu der auch die kräftigsten Schulbuben aus Rohracker als Treiber angeheuert wurden. Der Lohn:1 Rote Wurst, 1 Wecken, 1 Flasche Limonade. Distler verkaufte sein Anwesen (Distlerstr. 37/39) 30 Jahre später an August Honer, den damaligen Chef der damaligen Girokasse.
Neun Jahre nach Distler, 1911, baute dann Anton Sebesta am unteren Ende seines Grundstücks – in der späteren Rosengartenstraße – das erste Wohnhaus auf dem Frauenkopf. Im Mai reichte er das Baugesuch ein, im Juli zog die Familie in die provisorisch ausgebaute Dachkammer ein, im September in das fertige Haus. „Das Baumaterial“, so berichtet Babette Sebesta, die Schwiegertochter des Bauherrn, später, „musste mit dem Pferdefuhrwerk über den alten Burghaldenweg zum Bauplatz geliefert werden bis an die alte Eiche, dann mit zwei Pferden Vorspann zum Bauplatz.“ Noch im Herbst desselben Jahres begann der unternehmungslustige Sebesta den Bau eines zweiten Hauses am oberen Ende seines langen Grundstücks im heutigen Filderblickweg. Ein halbes Jahr später, Mitte Mai 1912, war auch dort schon Einzug.
Sein erstes Haus verkaufte Sebesta an Franz Kunkel. Der Grund für Verkauf und Neubau war, dass Sebesta eine Ausflugswirtschaft hatte aufmachen wollen, aber keine Genehmigung erhalten hatte. Kunkel hatte ähnliche Pläne, als er das Haus kaufte. Er wohnte mit seiner achtköpfigen Familie zwar in Ostheim, besaß aber seit 1907 ein Grundstück auf dem Frauenkopf, den sogenannten Kling'schen Garten. In der dortigen Laube verbrachte man das Wochenende. Über das damalige Leben auf einem Frauenkopf fast ohne Häuser schreibt Babette Sebesta: „Das ganze Frauenkopfgelände bestand aus Gärten und Gärtchen von Idealisten“ – gemeint waren wohl Anthroposophen – „und kleinen Handwerkern. In jedem Garten stand ein kleines Gartenhäuschen, und samstags oder sonntags kamen die ganzen Familien zum Sich-Freuen und waren immer sehr lustig und glücklich. Es war wie eine Familie und ein schöner Zusammenhalt. Jeder kannte den andern.“
1911 hatte Franz Kunkels Frau Kathi in ihrem Garten einen Ausschank aufgemacht. Es gab Bier, Tabakwaren, aber auch was zum Essen. Dem Vernehmen nach ging es in dieser ersten Kneipe auf dem Frauenkopf oft sehr lustig zu, obwohl es eigentlich verboten war, sich dort zum Trinken niederzulassen. Verkauft werden durfte nämlich nur "iber d'Stroß". Einen solchen Straßenverkauf hatte später auch ein Rohracker Wirt namens Röhm auf dem Grundstück Rosengartenstr. 8. Von einer Polizeikontrolle bei ihm steht in Ruckhaberles Buch Folgendes zu lesen:
„Der Landjäger wohnte in Cannstatt, von dort war’s weit auf den Frauenkopf. Doch war ihm längst zu Ohren gekommen, was so alles auf dem Frauenkopf geschah. Da musste er doch einmal nach dem Rechten sehen. Er kam, und wer saß in der Hütte beim Röhm? Der Karl Decker und der Gottlob Nuding. Beide hatten ihr Bier vor sich und waren bei vergnüglicher Unterhaltung. Das war natürlich für den Landjäger Dinkelacker aus Cannstatt ein gefundenes Fressen. – „Wissen Sie nicht, dass es verboten ist, in der Hütte Bier auszuschenken“, war die Frage des Landjägers. „I werd doch au Leut, die bei mir schaffet, ebbes zom Trenke gebe dürfe“, gab der Wirt wie aus der Pistole geschossen zurück. „Ja, was schaffen denn die beiden bei Ihnen“, wollte der Landjäger wissen. „Die schoret mir meine Baumscheibe“. Dagegen konnte der Landjäger nichts mehr einwenden. Und wohl oder übel mussten der Karl und der Gottlob zum Spaten greifen und beweisen, dass sie beim Röhm Baumscheiben schoren. Beide gaben sich der Hoffnung hin, dass der Landjäger bald verschwinden werde. Er hatte ja einen weiten Heimweg nach Cannstatt. Doch der Landjäger Dinkelacker setzte sich aufs Bänkchen und sah den beiden zu, wie sie schorten und schwitzten. Er konnte es auf seinem Bänkle aushalten. Erst am Abend machte er sich auf den Heimweg, nicht ohne den Decker und den Nuding gelobt zu haben, wie fleißig sie geschort hätten. Der lachende Dritte war der Alte-Schul-Wirt Röhm von Rohracker. Er war einer Bestrafung entgangen, und seine Baumscheiben waren geschort.“[3]
Der Plan der Familie Kunkel, im Haus in der Rosengartenstraße nun endlich eine richtige Gaststätte einzurichten, ging nicht auf. Die Kunkels erhielten genauso wenig eine Genehmigung dafür wie Sebesta. Die Rohracker Wirte waren dagegen, und unter den Honoratioren hatte Kunkel ohnehin keine Freunde. Er war ein Sozi und Gewerkschafter, sogar Mitglied im Landesvorstand der SPD. Der "rote Heiland vom Frauenkopf" agierte und agitierte erfolgreich in Rohracker, wo die SPD seit 1909 zum Missvergnügen der Behörden und bürgerlichen Kreise die Mehrheit im Gemeinderat hatte. Die erfahrene Kathi Kunkel praktizierte aber auch im neuen Haus und Garten die im Kling'schen Garten erprobten Verfahren, ohne Genehmigung auszuschenken. Die Bierflaschen verschwanden beim Auftauchen der Kontrolle unter ihren weiten Röcken.
1913 baute Anton Hoffmann schräg gegenüber von Kunkels in der Rosengartenstraße 71 das dritte Wohnhaus auf dem Frauenkopf, und zwar im gleichen Schweizer Stil wie die beiden anderen, die ein Architekturstudent als Diplomarbeit entworfen hatte. Heute steht dort das Haus Hartmann. Damit war die Bautätigkeit auf dem Frauenkopf vorläufig erschöpft. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs wurde nichts mehr gebaut.
Erschließung und Ausbau
Es war auch recht schwierig, hier zu wohnen. Es gab zunächst kein Wasser, lange keine Elektrizität, kaum eine Zufahrt. Der Speidelweg war halbwegs in Ordnung, von der Geroksruhe her führte nur ein schmaler Schotterweg. Nur bei trockener Witterung konnte man zum Beispiel Kohlen anliefern. Der Umzug von Kunkels und Sebestas auf den Frauenkopf war ein Abenteuer für sich. Darüber berichtet wieder Wilhelm Ruckhaberle sehr anschaulich.
„Wer fuhr gerne auf den Frauenkopf, da vom Bubenbad nur ein schmales Schottersträßchen bergwärts führte. Endlich erklärte sich der Kohlenhändler Schwarz bereit, die Fuhre zu übernehmen. Mit einem Einspännerwagen und einem Schimmel davor ging’s auf die Reise. Doch den Schwarz quälte wie an jedem Tag der Durst. Im Bubenbad wurde eingekehrt, und der Schimmel mit der Fuhre wartete geduldig auf seinen Herrn. ... Als es endlich weiter ging, schwankte nicht nur der Schwarz, sondern auch der Wagen die Schotterstraße aufwärts. Und ehe sich’s der Fuhrmann versah, war der Wagen umgekippt, und die Möbel lagen im Graben. Unter Schimpfen und Fluchen wurde wieder aufgeladen, und weiter ging’s mit hüh und hott der Geroksruhe zu. Doch an der Geroksruhe kam der Schwarz wiederum nicht vorbei; da gab’s ja auch was zu trinken. Im neuen Haus im Rosengarten warteten die Sebestas erst geduldig, aber allmählich Schlimmes ahnend, auf den Schwarz mit den Möbeln. Es dämmerte schon, ... als der Schwarz mit den zerschundenen Möbeln im Rosengarten aufkreuzte.“
Über den noch viele Jahre lang anstrengenden Alltag berichtet auch Babette Sebesta ebenfalls sehr anschaulich: „Was man zum Kochen brauchte, holte man zu Fuß und auf dem Rücken in Rohracker bei der lieben Frau Ortlieb. Es gab bei ihr auch Töpfe, Teller und sonstige Haushaltsgeräte und manches Bombole. .... Für die Milch sorgten die Milchfrauen aus Rohracker, die mit einem schweren zweirädrigen Karren jeden Tag die Milch der kleinen Landwirte über die Burghalde herauf hinunter in die Stadt Richtung Hohenheimer Straße brachten. Für Sebestas wurde damals an der alten Eiche eine Milchkanne mit 2 – 3 Litern Milch abgestellt, die jeden Tag abgeholt und gegen eine frische Kanne ausgetauscht wurde.“
Die unzureichende Infrastruktur hatte schon 1908 dazu geführt, dass sich 15 Grundbesitzer zum „Grundbesitzerverein Frauenkopf“ zusammenschlossen, um für die Erschließung des Gebiets zu sorgen. Der Verein arbeitete sehr erfolgreich: Bereits 1911 – also vor Sebestas Bau - kam die Wasserleitung, 1915 kamen die Straße zur Stelle und die Frauenkopfstraße, 1926 endlich der elektrische Strom für die mittlerweile 9 Häuser, 1931 die Straßenbeleuchtung, die 1933 bis zur Stelle weitergeführt wurde, 1931 auch Gasversorgung. Die Straßenbahn, die seit 1927 bis zur Geroksruhe führte, wurde 1930 bis nach Sillenbuch weitergeführt. Am 2. Mai 1957 schließlich nahmen die Stuttgarter Straßenbahnen den regelmäßigen Busverkehr zwischen Stelle und Frauenkopf auf. Vorher hatte eine Zeitlang schon die Busfirma Ruff aus Rohracker eine Verbindung aufrecht erhalten.
In einem gereimten Klagelied, das 1929 beim 25. Geburtstag des Rohracker Obst- und Gartenbauvereins vorgetragen wurde, hörte man u. a. :
„Ons fehlt e Bah stracks Stuegert zua / Net lang vor om dean Berg romfahre,
’ s wär näher über d‘ Gerocksruah, / Do dät mer Zeit ond Geld verspare.
Dui Bah, dui hätt für ons en Zopf, / Dui brächt en Schwong en onser Täle,
Dui brächt Schwong uf de Frauekopf, / An Frauekopf denket hia net älle. –
Uf dera waldomkränzta Höh / E schlechte Stroß, do wird mer z’schanda,
Koi G’sprenzwag ond koi Kehrmaschee, / Koi Kurhotel isch no vorhanda. –
Em Eselweg brennt endlich s Liecht, / Des sott mer Stuegert zua ergänza,
Würd no a Müllabfuhr eigricht, / No tät dr Frauekopf prächtech glänza.“[4]
Lange dauerte es allerdings, bis die Kanalisation gebaut wurde. Nach mündlicher Überlieferung war es erst nach dem Krieg, dass die Epoche der Sicker- und Jauchegruben (Güllelöcher) und der zugehörigen Entleerungs- und Abfuhrtechnik endete. Lange sei der Güllewagen noch ein Pferdefuhrwerk gewesen.
Ab 1929 existierte ein Bebauungsplan für 250 Häuser. Davon standen 1931 etwa 20, vor allem in der unteren Rosengartenstraße. Am 21. April 1932 berichtete die örtliche Presse wieder einmal stolz von den vielen Neubauten auf dem Frauenkopf, diesem – ich zitiere – „hervorragendsten Wohngebiet in nächster Nähe der Stadt Stuttgart.“ 1933 hatte dieses Gebiet 38 Einwohner, 1935 schon 400 in 60 Häusern. 1936 kamen 31 Häuser dazu, bezugsfertig, im Bau oder geplant.
Das Ehepaar Schmid z.B. baute 1937 im Filderblickweg, dem damaligen Schönblickweg, Nummer 17. Gleich nach dem Einzug kam ein Einbrecher in das noch ziemlich allein stehende Haus, aber er wurde von der mutigen Hausfrau verjagt und am andern Morgen – man höre und staune - vom Hund des Feldschützen aufgespürt. 1938 baute der Herr Obermedizinalrat Dr. Elliesen sein Haus in der Frauenkopfstraße 32 mit genau 4,63 t Eisen. Das trug ihm eine „baupolizeiliche Verfügung des Ortsvorstehers" ein, weil er nämlich nur 2 t genehmigt bekommen hatte. August Ranalder in der Frauenkopfstr. 7 hatte auch eine Genehmigung für 2 t und konnte damit natürlich sein Haus nicht bauen. Er hielt sich aber brav an die Vorschrift und wartete geduldig, bis ihm 1939 mitgeteilt wurde, daß es jetzt zu spät sei „aus Gründen des Arbeitseinsatzes", sprich der Kriegsvorbereitung. Noch 1947 wurde sein Baugesuch abgelehnt mit dem Hinweis auf die „bauwirtschaftliche Lage": Neubauten könnten zur Zeit noch nicht zugelassen werden.
Wenige Jahre vor dem Krieg, 1935, hatte der „Grundbesitzerverein Frauenkopf" noch große Pläne gehabt: 17 Meter breite Frauenkopfstraße, Höhenrestaurant, Waldfriedhof, Aussichtsturm, Schwimmbad. Aber Gott sei Dank wurde nichts davon verwirklicht. Denn der Zweite Weltkrieg unterbrach diese Entwicklung, und erst Anfang der fünfziger Jahre setzte ein neuer Bauboom ein. 1954/55 wurde z. B. die Baulücke zwischen den Vorkriegshäusern Löble und Preiss in der oberen Frauenkopfstraße geschlossen durch den Bau der Häuser Frauenkopfstraße 75, 77 und 79.
Die Grundstücke gehörten dem Stuttgarter Arzt Dr. Schöbel, Planer der Häuser war Architekt Krenz aus Degerloch.. Von seinem Lehrer, dem bekannten Architektur-Professor Paul Schmitthenner, einem Vertreter der konservativen „Stuttgarter Schule“ um Paul Bonatz, gibt es auf dem Frauenkopf mehrere Exemplare seines berühmten „Heimatstils“. Landhäuser dieser Art prägten von den zwanziger bis in die fünfziger Jahre hinein insgesamt das „Landhausgebiet“ Frauenkopf mit ihrem sogenannten „horizontalen Landschaftsbau“, der die „Einheit von Haus und Garten“, d. h. Landschaft forderte und Wohnhäuser zurückhaltend und unauffällig in die Landschaft einfügte. Dieser Stil ist heute einer nur an ökonomischen Prinzipien orientierten Bauweise gewichen, die möglichst viel Wohnfläche auf möglichst wenig Baugrund unterbringen will. Seither wurden fast alle Grundstücke bebaut, und neuerdings werden immer mehr ältere Häuser abgerissen und durch Klötze mit Eigentumswohnungen ersetzt, wie sie vor 40/50 Jahren nie und nimmer genehmigt worden wären. Die „Landhaussiedlung“ alten Schlages gibt es nicht mehr. Unser Wahrzeichen ist vielmehr wohl nicht zufällig der 1972 erbaute fast 200 m hohe Fernmeldeturm. „Ein Monstrum aus Stahlbeton verschandelt den Frauenwald.“ So urteilte vor ein paar Jahren die Stuttgarter Zeitung.
Auch der Ausbau der Frauenkopfstraße hat zur Veränderung des Charakters unserer Siedlung beigetragen. Dieser früher so genannte "Mittlere Weg" war bis 1971 offiziell nur ein Feldweg mit Notbeleuchtung. Prof. Heinz Benz berichtet, wie er als Zehnjähriger auf dem Schulweg von und zur Stelle durch den Wald ängstlich von einem Lichtkegel zum anderen hastete. Um die Wegzeit abzukürzen, fuhr er wohl auch ab und zu mit der Radelrutsch, deren auseinander montierte Teile er bis zur Rückkehr in einem der Betonrohre im Straßengraben versteckte. Der nach vielen Querelen 1971 begonnene Ausbau der Frauenkopfstraße machte diesen Weg dann zu einer breiten Durchgangsstraße und Rennstrecke. Daran konnten auch die Nachbesserungen durch die eher lächerlichen Verengungen lange nichts ändern. Ob die neuerlichen Maßnahmen wie Tempo 30 und kleiner Kreisel etwas bewirken, bleibt abzuwarten.
Die Einwohnerzahl hat nicht Schritt gehalten mit der Zahl der Häuser und Wohnungen. Damit folgt der Frauenkopf der allgemeinen Entwicklung, nach der jeder von uns immer mehr Wohnraum in Anspruch nimmt und die Zahl der Familien mit Kindern immer weiter abnimmt. 1950 gab es rund 800 Einwohner, zehn Jahre später trotz reger Bautätigkeit erst 884. Seither verzeichnet die Statistik einen leichten Rückgang mit Schwankungen zwischen 850 und 750 Einwohnern. Vor zehn Jahren waren es 795, am 31. März 2004 792.
Die Grundstückspreise dagegen entwickelten sich lange kontinuierlich nach oben, wie einige Beispiele belegen können: 1903 zahlte, wie gesagt, Anton Sebesta 1 Mark für den qm. 1927 waren es 6 Mark, 1937: 15, 1954: 25. Seit 1963 registriert die Stadt Stuttgart die sogenannten Bodenrichtpreise. Sie lagen 1963 schon bei 160 Mark, 1975 bei 420. Seit 1996 sind es mehr oder weniger unverändert[5] 1250 Mark. Die wirklichen Verkehrswerte lagen und liegen allerdings oft wesentlich höher.
Straßen und Namen
Seit 1915 war die Hauptachse des Wohngebiets, die Frauenkopfstraße, bis 1971 trotz des Namens und trotz mehrerer Baumaßnahmen nur ein besserer Feldweg. Als sogenannter Mittlerer Weg führte er vor 1915 quer durch die vielen langen und schmalen Grundstücke. Der Name der Straße wie der unseres ganzen Wohngebiets stammt bekanntlich von einer Hirtenkapelle, die Anfang des 16. Jahrhunderts oben im Wald beim heutigen Waldheim stand und "unserer lieben Frauen", also Maria, der Muttergottes, geweiht war. Der Wald dort hieß demgemäß Frauenwald, die Erhebung Frauenwaldkopf, später bloß noch Frauenkopf.
Den unteren Weg, die Rosengartenstraße, gibt es seit 1913 unter diesem Namen, der einfach dem Flurnamen entnommen ist. Der aber leitet sich ab von der Bezeichnung Rossgarten (gleich Pferdeweide) und weist auf die mittelalterliche Burg Rohreck bei der Burghalde hin. Nach ihr wurde 1966 der Rohreckweg benannt, der vorher Baumgartenweg hieß. Der kleine Weg zwischen Rosengartenstraße und Rohreckweg heißt Heckenweg, im Volksmund Socherbuckel. Die Häuser auf der Südseite der Rosengartenstraße liegen übrigens deswegen so tief, weil im Zuge des Kanalisationsbaus die Straße um einiges höher gelegt wurde. Auch die ersten Häuser an der oberen Frauenkopfstraße liegen z. T. tiefer als das Straßenniveau.
Der obere Weg am Waldrand, ursprünglich bloß ein Holzabfuhrweg, hieß zunächst Birkenweg. Mit der Eingemeindung Rohrackers 1937 wurde er zur Distlerstraße, benannt nach dem bereits erwähnten Augenarzt, der im Frauenkopfverein eine große Rolle gespielt hatte und der 1935 gestorben war. Der heutige Filderblickweg trägt seinen Namen ebenfalls seit 1937, vorher hieß er Schönblickstraße. Er wurde 1934 als Baugebiet erschlossen. Was es mit dem Eselweg auf sich hat, lässt sich auch dem amtlichen Staßenverzeichnis nicht entnehmen. Anderswo sind Eselwege meist die steilen Wege von und zu einer Mühle, auf denen die Esel Korn- und Mehlsäcke schleppten. Gotthilf Bodenhöfer meint dazu: „... dass man die Esel brauchte, um auf den steilen Berghang hinauf Steine zu transportieren, um (Weinberg-)Mauern bauen zu können. Aus Dankbarkeit für die Tiere nannten die Weinbauern den steilen und beschwerlichen Weg dann Eselweg.“[6] Allerdings wurden die Stubensandsteine für die Weinbergmauern gar nicht im Tal gewonnen, sondern weitgehend aus dem kultivierten Gelände selbst oder in den Steinbrüchen, die man heute noch im Wald sehen kann. Wie dem auch sei: Auf unserem Eselweg schleppten die Grundschüler vom Frauenkopf ihre Schulranzen hinunter und herauf. Vielleicht heißt er deswegen so.
Über den Schulweg hinunter nach Stuttgart in Zeiten ohne öffentliche Verkehrsmittel berichtet wieder Babette Sebesta ausführlich: „Der Junge“ – gemeint ist Julius Sebesta, ihr Mann – „ging in die Realschule bei der Markuskirche (Fangelsbachschule), das Mädchen in die Eberhard-Töchterschule in der Eberhardstraße. Damals mussten die Kinder laufen. Da gab es nur einen Weg: bis zur Stelle, einen schmalen, schlechten Waldweg, der bei Regen fast grundlos war, dann über die Straße, den Waldweg hinunter bis ins Kienle, dann am Herrgottsbrünnele vorbei bis zur Hohenheimer Straße, dann weiter in die Stadt. Im Winter, wenn Schnee lag, hatte der Vater einen kleinen Schneepflug gebaut aus zwei Brettern, die er als Dreieck zusammennagelte und zwei Stangen als Griffe und Stütze. Damit ging er den Kindern voraus, um einen schmalen Weg zu bahnen.“ Diesen Weg nahmen die Schüler des Wilhelmsgymnasiums oft noch in den dreißiger Jahren, obwohl seit 1931 die Straßenbahn fuhr.
Häuser und Läden
Es gab und gibt auf dem Frauenkopf neben den alten und den neuen offiziellen Straßennamen auch noch inoffizielle Wegbezeichnungen, die sich aus den Namen der Besitzer der Häuser herleiteten, die an diesen Wegen lagen: Der Socherbuckel wurde schon erwähnt. Daneben gab es den Millerbuckel, den Morobuckel und den Konoldbuckel.. Das waren vor allem Schlittenabfahrten für die Kinder.
Der Millerbuckel war nach dem Haus des Apothekers Miller am Waldrand in der unteren Filderblickstraße benannt, wo später zeitweilig der Daimlerchef Schrempp wohnte. Heute gehört es VW-Hahn. Der Morobuckel verlängert die Rosengartenstarße hinunter zur alten Eiche, der Konoldbuckel erhielt seinen Namen von der im Zuge der Judenverfolgung in den dreißiger Jahren „arisierten“ Villa Konold im Park am Ende der Distlerstraße, die von dem jüdischen Stuttgarter Unternehmer Wolf, besser bekannt unter dem Namen „Lumpen-Wolf“, erbaut worden war und im Krieg von einer Luftmine zerstört wurde. Das Grundstück ging später an die Familien Herion und Kreidler über. Heute stehen da schicke Eigentumswohnungen. Socherbuckel hieß der Heckenweg. Da stand das Haus Socher, wo in den sechziger Jahren Friseur Pritzger seine Einheitsschnitte fertigte. Früher hatte dort Frau Socher die Poststelle betrieben, die 1937 mit der Eingemeindung von Rohracker nach Stuttgart eingerichtet worden war. Zuvor war die Post von Rohracker aus zuerst wöchentlich, schließlich täglich per Rucksack oder Handwagen zugestellt worden. Über die Posthalterin Socher gibt es allerhand Geschichten zu erzählen. Nicht immer wurde das Postgeheimnis gewahrt und nicht immer hatte die Briefträgerin Lust, die Briefe auch auszutragen. Die Poststelle befand sich später im Haus Becker in der Frauenkopfstraße, noch später in der Baracke Ecke Eselweg/Frauenkopfstraße.
An dieser Stelle muss man auch den langjährigen Hausarzt des Frauenkopfs erwähnen, Dr. Göbel, der seine Praxis in der Frauenkopfstraße 38 an der heutigen Bushaltestelle Eselweg hatte. Dort war er - noch als Assistenzarzt - seit 1939 registriert. Er war später weit über unser Gebiet hinaus für seine Neuraltherapie bekannt.
Nicht nur mit Post und Haarschnitten und Wunderspritzen wurden die Frauenköpfler in den besten Zeiten gut versorgt, auch mit Milch und Brot und Fleisch und anderen Lebensmitteln: Aus Rohracker lieferte Bäcker Kaiser auf Bestellung, später richtete der Bäcker Hummel vom Bubenbad in der Garage, in der später der Restaurator Staudt werkelte, eine Dependance ein, täglich kam Herr Frick mit seinem Milchwagen - wie seine Mutter früher mit dem Handwagen und Dreirad -, vorne an der Ecke Rosengarten-/Frauenkopfstraße gab es den Eisenhardt‘schen Kiosk für Schreibwaren und Bücher, in der Kaiser’schen, heute Kutter‘schen Garage gab es einen Hutmacher namens Wild, in der Garage des Hauses Barth in der Frauenkopfstraße einen Schuhmacher, oben am Eselweg den Kaufmann Münstereifel, später Pusch, noch später Post und Heißmangel. Fräulein Roos leitete den Ableger der elterlichen Metzgerei in Rohracker mit schwäbischem Charme.
Und dann gab es - der Metzgerei gegenüber - „den Firmbach“, den Lebensmittelladen, den Werner Firmbach 1951 vom Ehepaar Reidel übernahm und zusammen mit seiner Frau in fast vier Arbeitsjahrzehnten zu einem veritablen Feinkostgeschäft ausbaute, eben zu „dem Firmbach“. Ursprünglich war das nämlich auch nicht viel mehr als das, was Kathi Kunkel und der alte Röhm betrieben hatten. Seit Firmbachs sich aufs Altenteil zurück gezogen haben, sind leider alle Versuche gescheitert, wieder ein Lebensmittelgeschäft dauerhaft zu etablieren. Mit „dem Firmbach“ ist auch der Marktplatz des Frauenkopfs verschwunden, die Piazza, auf der man sich traf und plauderte, Neues erfuhr und Rat holen konnte. Firmbachs organisierten 1977 auch die erste Frauenkopfhocketse als Straßenfest vor ihrem Laden und begründeten damit eine bis heute anhaltende Tradition. Die „Finissage“ der Firma im Gartenzelt ist vielen noch in lebhafter und angenehmer Erinnerung.
Die Marktplatzfunktion des Firmbachschen Ladens übernahm für einige Zeit zum Teil Hildegard Matheisl, geb. Sebesta, mit ihrem Laden: „beim Sebesta“. Die Familie Sebesta gibt es an derselben Stelle seit 92 Jahren, die Gärtnerei seit über 70, den Laden seit 52. Anton Sebesta, der Frauenkopf-Pionier, war überraschend schon 1918 gestorben und hatte seine Frau mit zwei minderjährigen Kindern zurückgelassen. Die allgemeine Not war bei Kriegsende groß genug, nun kam die private noch dazu. Aber Mutter Sebesta wußte sich zu helfen: Sie machte in dem geräumigen Haus eine Pension auf. „Es kamen,“ so schreibt wieder die Schwiegertochter, „Idealisten, Vegetarier, Naturmenschen, die die schöne Lage liebten, und es waren bald alle Stuben belegt. Man hatte Hühner, zwei Ziegen für Milch und einen Garten. Das Haus war voll mit jungen Leuten, die der Frau gerne halfen. Das Holz konnte man im Wald kaufen, und Obst hatte man immer. Es wurde Gemüse gepflanzt und es gab Kirschen, Stachelbeeren, Träuble, Pflaumen, Birnen und Äpfel. Die Not war gebannt, und alle halfen und alle waren glücklich. Eine Stube mit Frühkaffee und Brot kostete im Monat 20 – 25 Mark. Es gab auch ein Abendessen, und sonntags waren alle am Mittagstisch.“
Julius Sebesta, Antons Sohn, lernte den Gartenbau noch in der königlichen Wilhelma. Dorthin marschierte er täglich zu Fuß über Gablenberg und Villa Berg. Dann arbeitete er in einer anthroposophisch ausgerichteten Gärtnerei, bis er 1932 arbeitslos wurde und das tat, was auch heute wieder vielen in dieser Lage empfohlen wird. Mit aus der Verwandtschaft geliehenem Kapital machte er sich selbstständig und fing an, das nicht sehr ertragreiche Grundstück professionell zu bearbeiten. Er setzte früh auf das, was man heute biologischen Gartenbau nennt. Darüber hielt er auch Vorträge im Rohracker Obst- und Gartenbauverein, den heute noch Hildegard und Kurt Matheisl auf dem Frauenkopf vertreten. Sebesta bekam allwöchentlich eine Fuhre Hausmüll geliefert, den er in Teilen kompostierte. Bei der nächsten Fuhre wurden die unbrauchbaren Bestandteile wieder abgeholt. Er produzierte nie für den großen Markt. Nur die Erdbeeren aus der Burghalde wurden mit der Straßenbahn zu Bäcker Hummel am Bubenbad gebracht, damit der Kuchen und Eis machen konnte. Reich konnte Sebesta bei dem Geschäft natürlich nicht werden. Im Gegenteil, er hatte jahrzehntelang mit seinen Schulden zu tun. Seit die Eltern Sebesta tot sind, führen Hildegard und Kurt Matheisl Gärtnerei und Laden und pflegen damit eine der letzten Oasen aus der alten Zeit. Spezialität: Ackersalat und Tulpen und – Neuigkeiten.[7]
Nazizeit und Krieg
Das sogenannte Dritte Reich begann auf dem Frauenkopf mit der Ablösung von Franz Kunkel als Vorsitzendem des Frauenkopfvereins. Er war 70 Jahre alt und trat offiziell "altershalber" zurück. Welcher Geist und welche Anpassungsfähigkeit in dem nun von Dr. Barth geleiteten Verein bald herrschten, geht aus einem Protokoll von 1935 hervor, in dem versichert wird, daß alle „Landhäuser und sonstigen Liegenschaften deutschblütigen Eigentümern gehörten". Zu diesen Eigentümern gehörten auch der Rohracker Bürgermeister Bürkle, der allerdings kein Nazi war, und der Rohracker Ortsgruppenleiter der NSDAP, Heinrich Kaiser, dem das Haus Ecke Rosengartenstraße/Eselweg gehörte. Auch der reichste Rohracker Bürger, der Nudelfabrikant Otto Funk, Gemeinderat in Rohracker, wohnte hier.
Die alteingesessenen Familien Kunkel und Sebesta verloren ihren Einfluss an die neuen Herren, die, wie zum Beispiel Klenk (“Denk,denk,denk – schön färbt und reinigt Klenk“) und Prueß, von außen gekommen waren. Prueß war der oberste Parteifunktionär, der sogenannte „Zellenleiter“ der „Zelle Frauenkopf“ der „Ortsgruppe Rohracker“ der NSDAP. Seine Frau, die uns noch viele Jahre mit ihrer geschulten Stentorstimme erfreute, war damals eine wichtige Zugangsstelle zur neuen Macht. Wahrscheinlich waren die Frauenköpfler im Durchschnitt auch nicht nazistischer als andere. Aber wie überall wurden auch hier die Gegner des Regimes ausgegrenzt.
Franz Kunkels Sohn Eugen wurde alsbald verhaftet und in das KZ Heuberg gebracht. Nach seiner Entlassung floh er in die Schweiz. In seinem Haus wohnte dann sein Schwager Emil Birkert, ein erklärter Antfaschist, mit seiner Frau Helene Kunkel, die in Berlin drei Jahre lang Sekretärin der Reichstagsfraktion der kommunistischen Partei gewesen war. Birkert verlor 1933 seine Arbeit als Drucker. Helene betrieb ein Wäschegeschäft in der Eberhardstraße, das auch zum politisch-konspirativen Treffpunkt der Antinazis wurde. Birkert verbrachte das Kriegsende im KZ Struthof. Auch der Schreiner Richard Kaiser aus der Rosengartenstraße wurde vorübergehend verhaftet.
Der 1887 in Berlin geborene Maler und Kunstprofessor Max Ackermann hatte von 1935 bis 1945 auf dem Frauenkopf ein Atelier in einem Gartenhaus, das ihm der Besitzer der Galerie Maercklin überlassen hatte. Er war 1912 als Schüler von Adolf Hölzel nach Stuttgart gekommen, wurde von den Nazis 1936 als "entartet" eingestuft und 1936 mit Lehrverbot belegt. Danach zog er sich die meiste Zeit in das Elternhaus seiner Frau am Bodensee zurück. Ackermann hatte, wie fast alle Intellektuellen damals, mit den Kommunisten sympathisiert, war mit dem Stuttgarter Arzt und Schriftsteller Friedrich Wolf, dem Vater des späteren Stasi-Generals, befreundet. Er hatte auf dem Frauenkopf Kontakt mit den Kunkels, Birkerts, Kaisers und mit Hermann Finsterlin, dem anderen bekannten Maler, der von 1928 bis 1973 in seinem anthroposophischen Wohnhaus auf dem Frauenkopf wohnte und arbeitete. Finsterlin, 1887 in Berchtesgaden geboren, wurde anfangs von den Nazis hofiert, dann isoliert und schikaniert. Seine Frau, eine engagierte Anthroposophin, unterstützte die Familie des geflohenen Eugen Kunkel und verhalf ihr schließlich auch zur Emigration in die Schweiz
Beispiele für Widerstand oder wenigstens Vorbehalte gegen die Nazis gibt es auch aus dem kirchlichen Umkreis. Im betont christlichen Haus Rühle hielt es zum Beispiel die als Pflichtjahrmädchen dort arbeitende Tochter des Rohracker Lehrers Schmierer, eines engagierten Parteigenossen, nicht lange aus. Viele litten regelrecht unter dem Regime. Die Familie Freudenberger z.B. mußte ihre behinderte Tochter vor dem Zugriff der Euthanasie verstecken. Frau Scheel, eine ausgebildete Sängerin, bekam wegen ihres nicht-arischen Ehemanns kein Engagement und war auf private Flötenstunden angewiesen.
Zum Widerstand gehörte zunächst auch der 1887 gegründete Turnerbund Rohracker, der seit 1899 dem sozialistischen „Arbeiterturnerbund" angehörte. 1933 wurde er verboten. Da hatte er schon zehn Abteilungen einschließlich Schach, Theater, Trommeln und Pfeifen. Auch Fußball gehörte nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen seit 1932 dazu. Aber man hatte keinen eigenen Platz. Und der bürgerliche Hedelfinger Turnerbund ließ den kommunistisch dominierten Rohracker Turnerbund nicht auf dem Hedelfinger Platz spielen. So kamen die Nazis gerade recht. Nach dem Verbot des Arbeiterturnerbunds liefen viele der Fußballer stracks zur Konkurrenz über, den 1932 gegründeten "Sportfreunden". Der Bürgermeister Bürkle selbst trainierte die Mannschaft und sorgte dafür, daß sie 1937 ihren Sportplatz auf dem Frauenkopf bekam. Über die Einweihung stand dann in der Zeitung zu lesen: „Ein feierlicher Chor drang in den morgenfrischen Wald hinaus, dann ergriff der Erbauer des Sportplatzes, Bürgermeister Bürkle, das Wort, um in treffenden Ausführungen von der Sportkameradschaft zu reden. Gleichzeitig übergab er den Platz an die „Sportfreunde Rohracker“. Feierlich ging die Flagge zu erstenmal hoch, und es erklangen die Lieder aller Deutschen.“[8]
1944 kam der Krieg auch auf den Frauenkopf. Schon 1943 waren bei Fliegerangriffen Scheiben und Dachziegel zu Bruch gegangen. Zum Schutz gegen solche Angriffe waren im April 1943 alle Häuser mit Tarnfarbe gestrichen worden. Bei dem schweren Luftangriff auf Stuttgart in der Nacht vom 24. auf den 25. Juli 1944 fielen aber auch Bomben direkt auf das Frauenkopfgebiet. Dr. Wilhelm Lamparter, Leiter der Patentabteilung bei Bosch, damals wohnhaft in der Distlerstraße 33, berichtet darüber in seiner Familienchronik u. a.:
„Wir hörten im Keller das Pfeifen fallender Bomben, und bei den Einschlägen schwankte der Boden. Als es etwas ruhiger wurde, ging ich noch während des Alarms nach oben, um nachzusehen, was passiert sei. ... Im Wald waren die Bäume abgeknickt, und das Konold’sche Wohnhaus lag in Trümmern. Aus dem Keller hörte ich Stimmen. Ich machte notdürftig einen Ausstieg frei. Herr und Frau Konold mit Tochter und Schwiegersohn und deren kleinem Sohn kamen unverletzt heraus. ... Die Zerstörungen waren durch zwei Minen erfolgt. Die eine hatte auch das weiter unterhalb liegende Reiff’sche Haus schwer beschädigt. Aber auch in der Gegend der oberen Rosengartenstraße waren mehrere Bomben gefallen.“
Die Kahlstellen im Wald, von denen Lampert spricht, wurden nach dem Krieg an die Einwohner vergeben, die sie vollends rodeten, indem sie die Baumwurzeln, Stumpen genannt, ausgruben. Auf den Lichtungen wurden kleine Schrebergärten angelegt, die der Selbstversorgung dienten, wie es auch all die andern Gärten taten, in denen heute nur Rasen und Blumen gedeihen. Eine weitere Kriegsfolge waren die vielen im Wald verstreuten Bombentrichter, die zu wahren Biotopen heranwuchsen, in denen sich Libellenlarven, Molche und Kaulquappen tummelten, die man in den heimischen Garten umsiedeln konnte. „Tümpeln“ nannten das meine Kinder.
Über den zweiten Luftangriff berichtet wieder Wilhelm Lamparter: „In der Nacht vom 27. auf 28. Juli 1944 warf ein versprengtes Flugzeug drei Bomben auf die Frauenkopfsiedlung. Die eine fiel auf das Haus Rosengartenstraße 40, die andere teilweise auf das Haus Rohreckweg 22 von Gustav Kaiser und die dritte schlug unterhalb der beiden Häuser in der unteren Rosengartenstraße ein, in denen Goebels bzw. Kregels wohnten. Diese beiden Häuser wurden durch Luftdruck zerstört. Von dem Haus Rohreckweg 22 blieb nur noch eine Ruine stehen. In dem Haus Rosengartenstraße 40 wohnte Frau Schahl mit ihren beiden Kindern. Da ihr Mann beim Militär war, hielt sich Gustav Kaiser im Keller ihres Hauses auf. Alle vier Personen kamen dort ums Leben. Ich ging nach der Entwarnung hinunter zu dieser Schadensstelle und half beim Freimachen des Kellers. Ich brachte das jüngste Kind heraus, das fast unverletzt war. Es war entweder erstickt oder hatte durch den Luftdruck sein Leben lassen müssen.“
Als einer, der dabei war, berichtet Franz Kunkel, wie er als 14-Jähriger mit ansah, wie die Toten aus dem Schutt geborgen und in einer der Garagen aufgebahrt wurden. Der 6 Jahre ältere Heinz Benz, der während des Luftangriffs als verwundeter Soldat vorübergehend wieder auf dem heimatlichen Frauenkopf wohnte, erinnert sich, wie er mit Hilfe der Nachbarn mit Wasser und Sand einen Brand in seinem Elternhaus löschen konnte. Für solche Zwecke gab es allerdings auch mehrere sogenannte Selbstschutztrupps, die im Auftrag der Luftschutzpolizei bzw. der Feuerschutzpolizei tätig waren. Julius Sebesta war z. B. am 6. Februar 1944 von Zellenleiter Prueß zum „Truppführer“ des „Selbstschutztrupps III“, in Klammern: „Tageshaupttrupp“, ernannt worden.
Die verheerenden Zerstörungen in Stuttgart führten übrigens dazu, dass auch die Wasserversorgung der Frauenkopfsiedlung zusammenbrach. Am unteren Ende des Millerbuckels mussten die Einwohner das Wasser von der Quelle holen.
Die Ereignisse führten endlich auch dazu, dass auf dem Frauenkopf ein öffentlicher Bunker gebaut wurde. Vorher boten nur die Keller Schutz, und das, wie wir gesehen haben, sehr unzureichend. Unter einigen Häusern am Hang in der Rosengartenstraße hatten die Besitzer eigene Stollen gegraben, so unter den Häusern Benz und Goebel. Der von Wilhelm Lampert erwähnten „dritten Bombe“ hielten aber auch diese Bunker nur teilweise stand. Den Bau des zentralen Bunkers beschreibt Lamparter auch wieder ausführlich:
„Der Bunker hatte zwei Eingänge von der Frauenkopfstraße mit je einem Eingangsstollen auf dem unteren Teil des Hermann’schen und dem unteren Teil des Burk’schen Grundstücks. Die beiden Eingangsstollen wurden unterirdisch verbunden durch einen Hauptaufenthaltsstollen, der parallel zur Frauenkopfstraße zwischen unserem Haus (Distlerstraße 33) und dem Beck’schen Haus (Frauenkopfstraße 30) verlief. Alle erwachsenen Bewohner der Frauenkopfsiedlung mussten sich zweimal in der Woche jeweils drei Stunden lang am Stollenbau beteiligen. Die kräftigsten Männer mussten mit Bosch-Hämmern das Erdreich und Gestein herausbohren, die schwächeren und die Frauen mussten Erdreich und Gestein mit Schubkarren auf die Frauenkopfstraße fahren, wo es am Straßenrand noch lange nach Kriegsende lagerte. Ein Teil davon wurde später wieder in den Bunker hinein gefahren. Auch dazu wurde wieder die Bevölkerung verpflichtet. Viel später, etwa um 1980, wurden die verbliebenen Hohlräume von der Erdoberfläche in den Gärten aus angebohrt und mit Beton ausgefüllt.“
Die Stollen des Bunkers waren 330 m lang, 1000 bis 1500 cbm Aushub wurden bewegt, das sind mindestens 20 000 Schubkarren.
Auch den Bericht vom Bunkerbau kann Franz Kunkel ergänzen oder berichtigen. Nicht nur die Männer arbeiteten mit dem Bosch-Hammer. Das tat zum Beispiel auch die schon erwähnte Frau Pruess, von der später noch mehr die Rede sein wird. Und nicht nur die Frauenköpfler bauten den Bunker. Sie arbeiteten hauptsächlich nach Feierabend und nachts, tagsüber schufteten russische Kriegsgefangene, für die das spärliche Essen in Kübeln aus der Heusteigstraße herangeschafft wurde. Franz Kunkel z.B. gehörte zu denen, die mit Straßenbahn und Handwagen die Warmhaltebehälter heranschafften.
Franz Kunkel und der damals vierjährige Uli Kutter erinnern sich aber auch daran, dass die Buben auf dem Frauenkopf die kriegerischen Ereignisse hauptsächlich als ein großes Abenteuer begriffen. So war die aufgeschüttete Bunkererde ein Paradies „zom Dreckle“. Ein Löschteich vorne an der Ecke Frauenkopfstraße/Filderblickweg lud im Sommer zum Baden, im Winter zum Schlittschuhlaufen ein - beides war natürlich verboten. Die haufenweise abgeworfenen und nicht explodierten Brandbomben wurden demontiert und analysiert, wenn sie nicht „beim Haaga“ in der Frauenkopfstraße – dort war die Sammelstelle - kurzerhand über den Zaun geworfen wurden. Die kleinen Fallschirme, an denen sogenanntes Lametta zur Irritierung der in Heumaden und auf der Wangener Höhe postierten Flugabwehr abgeworfen wurde, dienten der Katze zu Sprungübungen. Auch ein abgestürztes deutsches Jagdflugzeug konnte im Wald besichtigt werden. Die weit verstreuten Aluminiumteile waren ebenfalls Sammelobjekte.
Ein tragisches Ende nahm ein anderer Jungenstreich nach dem Krieg. Auf dem Weg durch den Wald entdeckte der ältere Sohn der Familie Raible eine Eierhandgranate. Auf Geheiß seines warnenden Vaters ließ er sie liegen. Später aber ging er mit zwei Freunden zu der Stelle zurück, bewaffnet mit einem Hammer. Er bearbeitete damit den Zünder, die Granate explodierte, die drei Jungen wurden schwer verletzt. Der schnelle Transport ins Krankenhaus mit Hilfe amerikanischer Soldaten rettete den beiden Brüdern Schnaithmann das Leben. Der junge Raible erlag nach wenigen Wochen seinen Verletzungen.
Am 22. April 1945 endlich zogen die Franzosen mit fünf Panzern auf dem Frauenkopf ein. Sie fuhren von der Höhe über die westliche Distlerstraße in den Filderblickweg. Wie überall in Stuttgart führten sich die Sieger auch hier wie solche auf. Hildegard Schmid aus dem Filderblickweg erinnert sich: „Sie haben alles, was glänzt, mitgenommen.“ Dazu gehörte auch Uli Kutters Spielzeug und der alte preußische Helm seines Großvaters. In einem der Häuser hatten sich zwei versprengte deutsche Soldaten aufgehalten, die sich mit erhobenen Händen vor das Haus stellten. Die Franzosen durchsuchten das Haus. Dabei kam es auch zu einer Vergewaltigung. Die Panzer bogen in die Frauenkopfstraße ein und hielten dort eine zeitlang. Ihre Vorausabteilung war am Speidelweg von einer Panzersperre aufgehalten worden. Bis sie geöffnet war, versorgten sich die Soldaten in den umliegenden Häusern kurzerhand mit Kaninchenbraten und geistigen Getränken.
Als die amerikanischen die französischen Besatzungstruppen ablösten – sie kamen den Speidelweg herauf – , wurde bald manches schöne Haus auf dem Frauenkopf von Mr. Eich, dem zuständigen amerikanischen Quartiermacher, für seine Offizierskollegen requiriert. Die Bewohner, wie auch ausgebombte Stuttgarter, wurden anderswo einquartiert. Allenfalls stand in einem Haus jedem Bewohner ein Zimmer zu. Nicht zufällig erreichte die Einwohnerzahl kurz nach dem Krieg angeblich 1800, das Doppelte des Üblichen.
Die Amerikaner kümmerten sich jedoch auf der anderen Seite nachdrücklich um die Kinder und Jugendlichen auf dem Frauenkopf. Auf dem Sportplatz gaben Soldaten Unterricht in Baseball, der Baptistenprdiger Mr. Williscroft und seine Frau, die im Haus Fischer in der Rosengartenstraße wohnten, leiteten eine Jugendgruppe, die später von den sogenannten Viebahn-Schwestern übernommen wurde und in den späteren Jugendklub mündete. Mr. Williscroft nahm anfangs einige Frauenkopfkinder in seinem Fiat Topolino mit zum Gottesdienst in die Kaserne auf dem Burgholzhof. Später fuhr jeden Sonntag ein Armeelastwagen vor und nahm zehn bis zwanzig Kinder dorthin mit. Noch später fand der Gottesdienst im Zeppelinbau statt, schließlich in der Nähe des Eugensplatzes. Die einfallsreichen „Umerziehungsmaßnahmen“ trugen ihre Früchte. Langjährige Kontakte in die USA entstanden, einschließlich Ehen.
Kirche, Kindergarten, Jugendklub
Die geistigen und geistlichen Bedürfnisse der Frauenköpfler wurden lange von Rohracker aus gestillt. Dort standen Kirche und Schule. Z. T. orientierte man sich aber auch nach Stuttgart. Erst 1955 entstand die evangelische Frauenkopf-Kirche. Zwar hatte man seit 1937 ein Gemeindehaus geplant und war seit 1938 im Besitz des Bauplatzes im damaligen Baumgartenweg. Krieg und Nachkriegselend, aber auch Einsprüche der Nachbarn hatten jedoch den Bau verzögert.
Die neue Anlage mit Kirchenraum, Kindergarten und Wohnung für die Gemeindeschwester, die allseits beliebte Schwester Pauline - (später den Vikar und noch später den Zivi) - diese neue Anlage wurde bald ein Mittelpunkt nicht nur der kirchlichen Gemeinde, sondern für alle Frauenköpfler. Dafür sorgten von 1955 bis 1977 auch der Kindergarten - bis 1975 mit der sagenumwobenen Tante Lore -, dann der in den siebziger Jahren eingerichtete, nicht weniger legendäre Jugendklub im Kellergeschoss. Beide Einrichtungen standen allen Kindern offen. Auch der Kirchenraum selbst wurde ökumenisch genutzt, bis 1970 eine katholische Kirche gebaut wurde, deren Gemeindesaal seither ebenfalls allen Frauenköpflern für vielerlei Aktivitäten zur Verfügung steht. Die katholische Kirche wurde in Anlehnung an die namengebende einstige Frauenkapelle wieder eine Marienkirche. Ihr erster Pfarrer war Dr. Hermann Breucha, der zusammen mit seinem evangelischen Kollegen Daur nach dem Krieg in Stuttgart die ökumenische Bewegung Una Sancta ins Leben gerufen hatte. 1972 folgte ihm der Rundfunkpfarrer Josef Anselm Graf Adelmann von Adelmannsfelden nach. Die verschiedenen Pfarrer oder Vikare beider Konfessionen engagierten sich unterschiedlich lebhaft für das Gemeindeleben und die Jugendarbeit. Manch einer ist auf der Karriereleiter, deren erste Stufe er auf dem Frauenkopf erklommen hatte, hoch hinauf gestiegen, so zum Beispiel der spätere Prälat Klumpp, der beinahe Bischof geworden wäre.
Vor dem Bau der evangelischen Kirche, in den Nachkriegsjahren zwischen 1947 und 1955, hatte an jedem zweiten Sonntag im Monat das Wohnzimmer in dem schönen, leider abgerissenen Haus der Familie Rühle als Gottesdienstraum gedient. Herr Dr. Rühle hat in der Festschrift von 1980 eine köstliche Schilderung des Anfangs dieser Übung gegeben.
„Nun galt es den profanen Raum einigermaßen würdig zu gestalten. Das war vor allem nicht ganz einfach mit dem Schreibtisch, der normalerweise mit Büchern, Manuskripten, Akten und Briefen bedeckt ist. Er wurde abgeräumt, ein weißes Tuch aufgelegt, ein zinnerner Leuchter mit einer brennenden Kerze aufgestellt und die große Rudolf-Schäfer-Bilderbibel aufgeschlagen hingelegt. Dann wurden sämtliche Bänke und Stühle des Hauses zusammengetragen und in Reihen aufgestellt. Der Pfarrer stand am Schreibtisch wie vor einem Alter. Der Gemeindegesang wurde auf dem Klavier begleitet von Frau Leuze.... Wenn das Telefon klingelte, das gleich neben dem Schreibtisch steht, nahm Pfarrer Polster den Hörer ab und sagte: „Hier ist gerade Gottesdienst, rufen Sie nach zwölf wieder an“, und fuhr seelenruhig in seiner Predigt fort. .... Störender war, wenn der Kanonenofen, dessen Abzugsrohr durch ein Fenster ins Freie hinausragte, anfing zu bullern und zu qualmen, so dass der Prediger, in Rauchschwaden gehüllt, kaum mehr zu sehen war und nur mit raucherstickter Stimme seine Predigt mühsam zu Ende führen konnte.“[9]
Beide Kirchen, die evangelische wie die katholische, sind heute verwaist. Es gibt keinen Pfarrer mehr auf dem Frauenkopf seit dem Weggang von Pfarrer Ziegler und dem Tod von Graf Adelmann. In die katholische Kirche zogen vorübergehend die französische und die vietnamesische Gemeinde ein, seit Ende 2004 ist sie geschlossen. Die evangelische Kirche ist seither die einzige Zufluchtsstätte aller Initiativen der Frauenköpfler, so der „Kultur auf dem Frauenkopf“, des „Frauenkopf-Frühschoppens“ und verschiedener Gymnastik- und Kindergruppen. Das katholische Pfarrhaus steht leer, das evangelische, erst 1974 mit Mühe erworben und umgebaut, ist verkauft.[10]
Bekannte Persönlichkeiten aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Medien, Kunst
Der Frauenkopf gilt nicht ganz zu Unrecht als ein Wohngebiet der Großkopfeten und Reichen. Das "Kalifornien Deutschlands" sollen es die Amerikaner 1945 genannt haben, die – wie schon erwähnt - eine ganze Reihe der Villen für ihre Offiziere beschlagnahmten. Im Haus Preiss, Frauenkopfstraße 81, richteten sie sogar ein Kasino ein. In der Tat haben viele wohlhabende Stuttgarter hier gebaut und gelebt, Unternehmer und erfolgreiche Geschäftsleute, Manager, Hoteliers, Bankiers, Ärzte, Architekten, Anwälte, Ministerialbeamte, Politiker. Zumindest in den Anfangsjahren war es auch fast unumgänglich, dass jemand, der auf den Frauenkopf zog, ein Auto hatte, und wer hatte das schon in zwanziger und dreißiger Jahren?
Der Gegensatz zwischen den als rot verschrienen armen Rohracker Wengertern und Arbeitern und den meist wohlhabenden Frauenkopf-Bürgern konnte nicht größer sein. Nicht umsonst hatten die Rohracker Mädchen und Buben, die wahrscheinlich statt auf einer Matratze auf einem Strohsack schliefen, für ihre Mitschüler vom Frauenkopf einen deftigen Spottvers parat:
„Frauenköpfler Fratze
scheißet en d‘ Matratze,
wicklet’s en a Diachle,
fresset’s wia a Kiachle.“
Ein paar solcher „Frauenköpfler Fratze“ seien herausgegriffen:
Jeder weiß von Ihrer Kaiserlichen Hoheit, der Kronprinzessin Cäcilie, die 1952 das Haus am Anfang der Frauenkopstraße errichten ließ, das später zum Modehaus Fischer gehörte und jetzt von Familie Dinkelacker bewohnt wird. Allerhand Spekulationen mussten die blaublütige Dame und ihr Butler Groha seitens der Boulevard-Presse über sich ergehen lassen. Der Kronprinz war während der Bauzeit gestorben. Die Dame ist den damaligen Frauenkopfkindern in Erinnerung als „stets freundlich, aber unnahbar.“ In guter Erinnerung sind manchen der kaiserliche Rolls Royce und sein freundlicher Chauffeur, der oft die Rolle des heutigen Busfahrers übernahm und dessen selbst für Frauenkopfverhältnisse außergewöhnliches Auto es besonders dem jungen Nuding – Ecke Frauenkopfstraße / Rohreckweg - angetan hatte.
Bekannte Unternehmer bauten sich hier ihre Häuser: Hugendubel [11]– „Vergiß nicht deinen Hugendubel-Schirm“, das stand früher an jeder Straßenbahntür -, Hermann - jeder kennt Herma-Etiketten – Konold – die Firma produzierte elegante Unterwäsche –, Herion, der Maschinenfabrikant, das sind einige der älteren Namen. Heute sind es Namen wie Dinkelacker, wie der Landkartenpapst Mair oder Kirchhoff – der Name begegnet uns an jeder Straßenbaustelle. Der Inhaber der Sanitärfirma Hansa wohnte hier. Eine Weile schien sich die halbe Firma Bosch auf dem Frauenkopf zu versammeln, später überwog Daimler mit u.a. den Herren Schrempp und Zetsche. Zeitweilig wohnte im jetzigen Haus von Dr. Pfitzer, das die Familie Löhle, Besitzer des Reichsbahnhotels, gebaut hatte, die Tochter des Wirtschaftswunderministers Erhard, verheiratet mit dem Daimlermanager Klotz, später beherbergte das dann schwer bewachte Haus den türkischen Konsul. Noch ein Hotelier, der Besitzer des Schlossgartenhotels, Wörner, hatte hier zunächst ein Gartenhaus, das nach dem Krieg zur Villa wurde. Dr. Hartmann bescherte dem Frauenkopf das isländische Konsulat, das an der Stelle des drittältesten Frauenkopfhauses errichtet wurde, das später dem Kohlenhändler Raunecker gehört hatte. Als CDU-Fraktionschef wohnte der spätere Ministerpräsident Oettinger hier. Leider hatte er nicht mehr die Chance, im schönen alten Rühle-Haus zu wohnen, sondern musste es im weniger attraktiven Nachfolgebau tun. Vergessen wir – von der anderen Partei – nicht unseren langjährigen Bezirksvorsteher Fischer. Zu den bekannteren Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gehörten auch die Präsidenten der Landeszentralbank, Pfleiderer, und des Stuttgarter Landgerichts, Wetzel, vorübergehend Mathias Sammer, der Trainer des VfB.
Die Verleger Rühle und Held hatten oder haben ihre Häuser hier, der Buchhändler Konrad Wittwer, der Zeitungsverleger und Schriftsteller Josef Eberle alias Sebastian Blau, dessen Haus heute der Geschäftsführer des Stuttgarter Zeitungsverlags, Dannemann, bewohnt. Auch Eberles zeitweiliger Kompagnon Schairer war ein Frauenköpfler ebenso wie andere bekannte Journalisten und Redakteure: Wilhelm Kutter, Paul Land, Horst Stern, der seine Tiersendungen auf dem Frauenkopf „live“ vorbereitete, Gerhard Conzelmann, dessen Liebesspaziergänge die jüngeren Mädchen faszinierten, der Musikkritiker Josef Brandl von der Stuttgarter Zeitung, nicht zufällig "Weinbrandl" genannt. Ein Frauenköpfler war auch der frühere Intendant von Radio Stuttgart, der sich bei Kriegsende das Leben nahm. Wilhelm Kutters Tochter Uta, Professorin an der Musikhochschule, hat im elterlichen Haus in der Rosengartenstraße ein Studio geschaffen, das sich im Rahmen der von ihr geleiteten "Akademie für gesprochenes Wort" zu einem Treffpunkt der kulturellen Szene Stuttgarts entwickelt hat.
Die Opersängerin Lore Fischer wohnte hier, ihre Kollegin Res Fischer hatte hier ein Gartenhaus. Die bekannten Maler Max Ackermann und Hermann Finsterlin wurden schon genannt. Letzterer lebte 45 Jahre auf dem Frauenkopf. Von ihm wird erzählt, dass er den Heimweg von der Stelle gerne in Begleitung junger Schülerinnen zurücklegte und dafür die strafenden Blicke seiner Ehefrau in Kauf nehmen musste. Max Ackermann, von den Nazis verfemt, lebte nach dem Krieg zeitweilig so ärmlich, dass er die Frauenkopfkinder auf der Straße ansprach, ob sie nicht ihre Eltern zu einem Porträt animieren könnten. Lange Jahre verbrachte auch der Maler Peter-Anton Gekle hier, der vor allem in der Kunstszene Vorkriegs-Stuttgarts eine Rolle gespielt hatte. Er hat eine Reihe unnachahmlicher Karikaturen bekannter Frauenköpfler geschaffen, von Dr. Barth und Graf Adelmann zum Beispiel.. In den letzten Jahren wurde auch Ernst Kunkel, der Sohn des „roten Heilands“, als Maler und Zeichner wieder gewürdigt. Und sein Sohn Franz hat uns erst vor einigen Jahren mit seiner Ausstellung in der Rohracker Kelter von seinem Talent überzeugt. Elisa Thiel malte und töpferte lange Jahre hier, und mit Johanna Schnaithmann, Gisela Schmeel und der Scherenschnittmeisterin Breier und manchen anderen haben wir auch heute noch eine lebendige Kunstszene auf dem Frauenkopf.
Zur Szene gehörten auch ein paar Originale. Eins war in den Anfangszeiten der Straßenwart Eichenhofer, der an der Stelle jenseits der Jahnstraße in einer Hütte wohnte. Ein Original war auch der langjährige Frauenkopfvereinsvorsitzende Dr. Barth, wenn er mit gezückter Gartenschere durch den Wald und die Straßen schritt und unliebsame Triebe beseitigte. Oder Herr Vogt, der ehemalige Besitzer des heutigen Zetsche-Hauses Ecke Rosengartenstraße/Eselweg, wenn er mit seinem Hund, den ihm sein Sohn aus England mitgebracht hatte und den unsere Kinder Schweinehund nannten, durch die Straßen spazierte - als lebendiges Beispiel für die bekannte These von der allmählichen Angleichung von Herr und Hund.
Ein Original war auch Erika Pruess, die stimmgewaltige einstige Opernsängerin aus Augsburg, deren Ankunft an der Stelle man ohne Schwierigkeiten auf dem Frauenkopf vernehmen konnte. In den dreißiger Jahren führte sie mit ihren Freundinnen und Freunden aus der Künstlerszene Stuttgarts auf dem Frauenkopf ein lustiges und so gar nicht pietistisches Leben. Ihr Mann lebte meist weit weg mit seiner Sekretärin in Weinheim. Sie nahm in den sechziger Jahren ihren alten Freund Gekle, den schon erwähnten Maler, auf, ein weiteres Frauenkopf-Original. Er war seit einem Verkehrsunfall gehbehindert, fuhr aber immer noch auf dem Moped in sein Atelier im alten Sillenbucher Rathaus, wenn er nicht mit Hund Aladin an der Leine und dem Rucksack auf dem Rücken zum Firmbach humpelte. Erika Pruess war, wie man sieht, nicht nur lebenslustig, sondern auch wohltätig. Sie war kinderlos, unterstützte mehrere ärmere Familien auf dem Frauenkopf, sorgte sogar für die Ausbildung der Kinder. Sie ging aber auch mit der Caritas-Sammelbüchse von Haus zu Haus. Einer ihrer Schützlinge war ein weiteres Original, die alte Frau Reiff aus der Frauenkopfstraße, die seit dem Tod ihres Mannes und dem Heldentod ihres einzigen Sohnes gerne dem Alkohol zusprach und trotz ihrer Herkunft aus einem alten Pfarrersgeschlecht wie eine Landstreicherin über die Frauenkopfstraße zog. Die hochelegante Frau Prueß Arm in Arm mit ihr – das war ein besonderes Bild.
Fassen wir unsere „Völkerschau“ – so nannte man einst die Vorführung von exotischen Menschen im Zirkus – fassen wir also unsere Völkerschau zusammen mit einem Zitat von Hildegard Matheisl aus der Kirchen-Festschrift von 1995: „Mich ärgert das landläufige Vorurteil: ‚ Auf dem Frauenkopf wohnen bloß die Großkopfeten. Hier leben auch Normalkopfete’.“ Der Rückblick in die Geschichte des Frauenkopfs und der Blick in seine Gegenwart gibt ihr Recht.
Wie ein Vermächtnis klingt das folgende Stück Frauenkopf-Poesie, entnommen aus einem eigentlich so nüchternen Papier wie dem Protokoll über die Jahreshauptversammlung des Grundbesitzervereins Frauenkopf e.V. vom 29. Dezember 1960. Hier gibt der offensichtlich literarisch begabte Schriftführer Willy Staelin die beschwörenden Schlussworte des nicht weniger redegewandten Vorsitzenden Dr. Barth in vollendeter indirekter Rede wieder.
„Es komme nicht darauf an,“ so gibt Staelin Dr. Barth wieder, „es komme nicht darauf an, ob der eine etwa eine Villa, der andere ein schlichtes Landhaus besitze, sondern entscheidend sei einzig und allein, ob er – oder sie – gesinnungsmäßig die einer stolzen Tradition verhaftete positive Einstellung zum im Zeichen des Altruismus und des Fortschritts stehenden Gemeinschaftswirkens habe.“ Und er fährt mit sichtbar erhobenem Zeigefinger fort: „Alle sollten sich befleißigen, zum selbst errungenen irdischen Paradies oder zum Vatererbe in Treue, Opferbereitschaft und selbstlosem Verzicht um der Allgemeinheit willen zu stehen. […] Aus einer solchen verantwortungsbewussten Gesinnung heraus werde es gelingen, den allen Frauenköpflern ans Herz gewachsenen „monte paradiso“ kommenden Generationen in einem würdigen Zustand zu hinterlassen, welcher sie als ständige liebevolle Mahnung veranlassen sollte, dieses Stück herrlichen Heimatbodens in pflichtbewusster Dankbarkeit weiter zu pflegen."
(2004)
[1]Der vorliegende Text ist ein leicht überarbeiteter Vortrag, den der Verfasser am 24. April 2004 im Rahmen der Reihe „Kultur auf dem Frauenkopf“ in der ev. Frauenkopfkirche hielt.
Zur Geschichte stützt sich der Text hauptsächlich auf Unterlagen im Stadtarchiv, auf die Familienchronik Lamparter (unveröffentlicht) sowie auf folgende Publikationen: Wilhelm Ruckhaberle, Rohracker und Frauenkopf, Stuttgart 1973; Hermann G. Abmayr und Ulrich Weitz (Hg.), Alltag macht Geschichte, Stuttgart-Rohracker: Eine andere Heimatkunde, Silberburg-Verlag Stuttgart, 1990; Gotthilf Bodenhöfer, Burg Rohreck, Mönch Fridolin und der Eselweg, Stuttgart 1997; 25 Jahre Frauenkopf, hg. von der ev. Kirchengemeinde Stuttgart-Rohracker/Frauenkopf, 1980.
Die Geschichten stammen aus der Chronik der Familie Kunkel, den Aufschrieben von Babette Sebesta und aus Gesprächen mit Zeitzeugen. Die Abb. befinden sich im Besitz von Hildegard Matheisl. Allen Beiträgern sei herzlich gedankt. Der Vf. Ist für Ergänzungen und Korrekturen jederzeit dankbar.
[3] Ruckhaberle, aaO. S. 182
[4] Festschrift „100 Jahre Obst- und Gartenbauverein Stuttgart- Rohracker e.V.“, Stuttgart 2004, S. 24.
[5] Der offizielle Bodenrichtwert lag 2015 bei 1090 Euro pro qm.
[6] Bodenhöfer aaO. S. 30
[7] Leider gibt es auch diese Oase mittlerweile nicht mehr.
[8] Abmayr/Waitz aaO. S. 156
[9] Festschrift „25 Jahre Frauenkopf“, aaO. S. 16
[10] Mittlerweile wurde die ev. Kirche umgebaut. Sie dient der Gemeinde Rohracker-Frauenkopf als „Zweitwohnung“ und steht darüber hinaus allen Interessenten für Veranstaltungen aller Art zur Verfügung. Die karh. Kirche wurde zeitweise von der äthiopisch-orthodoxen Gemeinde genutzt. Pfarr- und Mesner-Wohnung standen ihren Geistlichen zur Verfügung. Zurzeit sind dort Flüchtlinge aus Syrien und Ghana untergebracht. Die Kirche steht nach wie vor leer. Sie ist mittlerweile aus dem Besitz der Stuttgarter Gesamtkirchengemeinde in den des Bistums Rottenburg übergegangen.
[11] Zur Zeit – 2018 – baut nach dem Abriss des schönen Landhauses das renommierte Architekturbüro Lederer & Ragnadottir fünf Reihenhäuser.