Die Kopfeten vom Frauenkopf
Früher war es auf dem Frauenkopf andersherum: Die nachgeborenen Söhne der Bauern und Wengerter von Rohracker, manche sagen auch: die missratenen oder bösen Buben wurden mit einem Erbteil droben auf den kargeren Höhen bestraft. Heute sind es eher die Wohlhabenden, die auf dem Frauenkopf wohnen: ruhig, mitten in der Natur und nah an Stadt. „Aber hier leben nicht nur Großkopfete, sondern auch Normalkopfete“, sagt Hildegard Matheisl. Sie muss es wissen.
So arg lang ist das alles noch nicht her. Erst vor ziemlich genau hundert Jahren wurde der Frauenkopf zur Wohnsiedlung, zum „Landhausgebiet“. Die Enkel der Gründerväter, die Sebestas und Kunkels, sind bis heute das „Urgestein“ vom Frauenkopf.
Ihren Namen haben Berg und Ort von einer „Unserer lieben Frau“ geweihten Hirtenkapelle, die bis nach der Reformation ungefähr beim heutigen Waldheim oder beim 1972 errichteten Fernmeldeturm gestanden haben muss. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein waren die Laubwälder dort Weide, vor allem für die Schweine. Die mochten Eicheln und Bucheckern. Am unteren Rand der heutigen Siedlung begannen die steilen Rebhänge. Doch allmählich fingen die Rohrackerer an, den Wald oben zu roden und Obstbäume zu pflanzen. Es entstanden merkwürdige Handtuch-Parzellen: bis gut 200 Meter lang und fünf Meter breit – um die nach oben abnehmende Bodenqualität auszugleichen.
Vor allem Birnen und Kirschen gediehen dort. Und bis vor ein paar Jahrzehnten, so scherzt Ureinwohner Franz Kunkel, galt der Sturz von der Leiter als häufigste Todesursache auf dem Frauenkopf. Man schrieb das Jahr 1897, als dann die Witwe Klein aus Rohracker ein Grundstück auf dem Frauenkopf an den Stuttgarter Bankier Schulz verkaufte. Für den Quadratmeter musste der Erholung suchende Städter 60 Pfennige berappen. Ein erstes Haus baute dann 1902 der Augenarzt und Geheime Hofrat Dr. Hans Distler, und zwar eine stattliche Jagdhütte als Wochenend-Domizil.
Der erste richtige Bewohner des Frauenkopfes hingegen hieß Anton Sebesta. Er war ein aus Böhmen stammender Stuttgarter „Goldarbeiter“ und hatte wie jener Bankier begonnen, die nebeneinander liegenden Streifen aufzukaufen. Im Juli 1911 zog Familie Sebesta provisorisch in die Dachkammer ein, im Herbst war das Haus im Schweizer Landhausstil fertig. Aber gleichzeitig begann Sebesta, am oberen Ende des Grundstücks ein zweites von gleicher Art zu bauen. Das erste verkaufte er dann, wohl mit Gewinn, an Franz Kunkel weiter, einen Schriftsetzer, engagierten Sozialdemokraten und Familienvater aus dem Stuttgarter Osten, der auf dem Frauenkopf, wie inzwischen viele, schon ein Gütle mit Laube für die Wochenenden besaß. Beide Männer wollten in dem Naherholungsgebiet ein Ausflugslokal aufmachen. Das scheiterte am Widerstand der Wirte von Rohracker, die ihre Interessen bei der Obrigkeit durchzusetzen wussten. Nur der Kunkelsche Ausschank über die Straße wurde genehmigt.
Hildegard Sebesta hat in den 60ern Kurt Matheisl geheiratet, der aus dem österreichischen Bludenz stammt und seinerzeit den Bus zum Frauenkopf fuhr. Aber eine Sebesta ist sie geblieben, Enkelin des Pioniers. Gärtnerei und Laden des Vaters Julius Sebesta hat das Ehepaar bis vor einem Jahr fortgeführt, in seinem Haus wohnt es bis heute. Auch Franz Kunkel jun., gelernter „Dekorationsmaler“, ist da, 1931 „im Taxi auf dem Weg nach Rohracker“ geboren. Wie sein Vater pflegt er die künstlerische Tradition der Familie. Vierter im Bunde ist Hans Wetzel, pensionierter Gymnasialdirektor und Ortschronist. Er kenne, sagt er, den Frauenkopf allerdings „erst seit fünfzig Jahren“.
Die Erschließung des Frauenkopfs ging nicht gar so schnell voran. Zwar gab es schon seit 1911 eine Wasserleitung, aber erst 1915 baute man eine Straße zur Stelle und befestigte die Frauenkopfstraße ein wenig. Bis dahin waren die Hauptverbindungen die senkrechten hinunter nach Rohracker und über die Stelle in die Stadt. Etwa der Eselweg für Fußgänger oder der schmale Speidelweg. Strom gab es dann 1926, fünf Jahre später Straßenlaternen und Gas. Auf eine Kanalisation musste der Frauenkopf bis nach dem Krieg warten.
Der erste Bebauungsschwung endete mit der Rationierung des Baumaterials im Vorfeld des Krieges. Bis dahin standen knapp hundert Häuser auf dem Frauenkopf, in denen mehr als 500 Bewohner lebten. Natürlich hatte die Nazis auch hier das Kommando übernommen, Franz Kunkel, den sozialdemokratischen Vorsitzenden des Frauenkopfvereins, „altershalber“ abgesetzt. Den linken Turnerbund im roten Rohracker verboten sie und ersetzten ihn durch die „Sportfreunde“. Die bekamen dann auch einen eigenen Fußballplatz - auf dem Frauenkopf. Später wurde daraus der Sport- und Kulturverein, kurz: SKV Rohracker.
Nicht nur der verfemte Maler Max Ackermann fand in einer Atelierlaube am Frauenkopf Zuflucht, auch der anthroposophisch orientierte Hermann Finsterlin widerstand den Machthabern. Seine Frau verhalf etwa Franz Kunkels Sohn Eugen, den man verhaftet und im KZ Heuberg interniert hatte, und seiner Familie zur Flucht ins Schweizer Exil. Verfolgt wurden auch sein Schwager, der Antifaschist Emil Birkert, der Schreiner Richard Kaiser und andere wie die christlichen Rühles, die Freudenbergers, die Scheels…
Auch der Bombenkrieg traf den Frauenkopf. Beim Großangriff auf Stuttgart in der Nacht vom 24. auf den 25. Juli 1944 wurden einige Häuser zerstört. Drei Nächte später warf ein versprengtes Flugzeug drei Luftminen ab. Der damals 14-jährige Franz Kunkel hat mit angesehen, wie die Leichen einer Mutter und ihrer beiden Kinder und eines Nachbarn aus dem Keller des zerstörten Hauses Rosengartenstraße 40 geborgen und in einer Garage aufgebahrt wurden. Daraufhin hob man einen großen Bunker aus.
Die vielen Bombentrichter im Wald waren später Spielplätze, noch später Biotope. Als schon Amerikaner die französischen Besatzer abgelöst hatten, geschah noch ein Unglück. Zwei Schnaithmann-Buben und der älteste Raible-Sohn hatten mit einer im Wald gefundenen Handgranate hantiert. Die Explosion verletzte alle drei, den jungen Raible so schwer, dass er nach einigen Wochen im Krankenhaus starb.
In den fünfziger Jahren gab es einen weiteren Boom auf dem Frauenkopf. Es wurde nicht nur gebaut, auch die Prominenz entdeckte das stadtnah ruhige Landhausgebiet. Die vor den Russen von Schloss Cecilienhof bei Potsdam geflohene Kronprinzessin Cecilie, Schwiegertochter von Kaiser Wilhelm II., baute sich auf dem Frauenkopf ein nobles Domizil. Die elegante und sozial engagierte Tochter aus der Zarendynastie der Romanow und aus dem Hause Mecklenburg-Schwerin war bis in die Weimarer Zeit sehr populär. Auf dem Frauenkopf lebte sie bis zu ihrem Tod 1954, umsorgt von Butler Groha, zurückgezogen „stets freundlich, aber unnahbar“, so wird berichtet. Der Rolls-Royce der kaiserlichen Hoheit freilich war auch auf dem Frauenkopf eine Attraktion.
An dem Ort, wo angeblich das Sommerhaus eines in Cannstatt residierenden Römers gestanden haben soll, baute sich 1958 auch der Liebhaber der lateinischen und der der schwäbischen Sprache sein Haus: Josef Eberle, Gründer und Verleger der Stuttgarter Zeitung, als Sebastian Blau der wohl wichtigste schwäbische Mundartdichter, dazu ein Sammler und Stifter. Der gelernte Redakteur Eberle hatte nicht zuletzt wegen seiner jüdischen Frau Else, die der Vernichtungsmaschinerie nur knapp entkam, unter der Naziherrschaft gelitten und seine Anstellung beim Rundfunk verloren. Nach dem Krieg bekam er mit anderen Unbelasteten die Zeitungs-Lizenz und war bald alleiniger Verleger der Stuttgarter Zeitung. Nach Else Eberles Tod 1989 – Josef Eberle war drei Jahre zuvor gestorben und hatte seinen ideellen Nachlass gemeinnützig verteilt – räumten die amerikanischen Erben das Haus leer. Als Geschäftsführer Jürgen Dannemann das Haus als Dienstwohnung des Verlags bezog, fand er nahezu nichts Persönliches von den Eberles mehr vor, auch im Gartenhäuschen nicht, dem Allerheiligsten des Verlegers.
In den sechziger Jahren begann nicht nur mit dem Busanschluss die wahrscheinlich lebendigste Zeit des Frauenkopfes. Einerseits zog es immer mehr Prominente in die grüne Oase, Industrielle und Manager, Ärzte, Künstler, Intellektuelle und Journalisten wie den Tierfilmer Horst Stern oder den Nahost-Experten Gerhard Konzelmann, Politiker wie Günther Oettinger und Fußballstars wie Matthias Sammer. Die einen waren mehr integriert, die anderen lebten zurückgezogener. Niemand behelligte sie.
Andererseits entwickelte sich eine richtige Infrastruktur. Die wichtigste Einrichtung war wohl das Feinkostgeschäft, das Werner Firmbach von 1951 bis 1988 in der Rosengartenstraße betrieb. „Der Firmbach“ und der kleine Platz davor waren ein Treffpunkt. Es gab zeitweise auch einen Schuhmacher, die Poststelle, Heißmangel, eine Metzgerei und den Eisenhardtschen Kiosk. Und natürlich die Sebestasche Gärtnerei. Die Gastronomie beschränkt sich bis heute auf das „Lucky“, die beliebte Waldwirtschaft am Sportplatz.
In den Fünfzigern wurde die zur Zeit renovierte evangelische Kirche am Rohreckweg gebaut, auch sie ein wichtiges Zentrum, in dem zum Beispiel heute die rührige „KaF“ (Kultur am Frauenkopf) ihre Veranstaltungen macht. Die katholische Kirche, 1970 erbaut und durch den legendären Rundfunkpfarrer Graf Adelmann fast schon zu einer Pilgerstätte geworden, war nach seinem Tod verwaist. Jetzt dient sie der äthiopisch-orthodoxen Gemeinde als Gotteshaus.
„Man merkt inzwischen die Nachteile eines reinen Wohngebiets“, sagt Hans Wetzel bedauernd. Viele der in den letzten Jahren Zugezogenen suchten keinen Anschluss an die übrigen der rund 800 Frauenköpfler mehr – übrigens eine seit den Fünfzigern relativ stabile Zahl. Dieses Jahr fiel zum Beispiel erstmals die Frauenkopfhocketse im Kirchgarten – lange Zeit eine feste Institution – mangels freiwilliger Helfer aus. Manchen der Alteingesessenen stört auch die dichtere, auffälligere, nur an der Rendite orientierte Neubebauung im einstigen Landhausgebiet.
Niedrig ist die Kriminalitätsrate – mit wenigen Ausnahmen. Eine betrifft den späteren Ministerpräsidenten. Den beobachtete ein glaubhafter Zeuge dabei, wie er kurz vor Morgengrauen, von Dienstpflichten heimkehrend oder zu ihnen aufbrechend, seinen Wagen halten ließ, behände aus dem Fond sprang und sich, neugierig aufs Presse-Echo, blitzschnell aus den für den Austräger bereit gelegten Stapeln eine Zeitung stibitzte. Es soll sich aber um Günther Oettingers eigenes Exemplar gehandelt haben.